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KI und Robotik im Mittelstand: Was bei der Fürst Gruppe heute schon funktioniert.
Deep Dive

KI und Robotik im Mittelstand: Was bei der Fürst Gruppe heute schon funktioniert.

31. Juli 2026

KI und Robotik sind im Mittelstand längst mehr als Pilotprojekte. Markus Zwingel, Geschäftsführer und Chief Digital Officer der Fürst Gruppe, berichtet aus der Praxis: von KI-gestützter Gebäudereinigung und Sicherheitstechnik über Robotik als Antwort auf Fachkräftemangel bis zu den wichtigsten Fehlern bei der Einführung.

KI und Robotik im Mittelstand: Was bei der Fürst Gruppe heute schon funktioniert

Wie sieht der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Robotik aus, wenn er nicht auf einer Messe, in einer Demo oder in einer Innovationsabteilung stattfindet — sondern im Alltag eines mittelständischen Dienstleistungsunternehmens?

Darüber haben wir im KI-Strategiebriefing mit Markus Zwingel, Geschäftsführer und Chief Digital Officer der Fürst Gruppe, gesprochen.

Die Fürst Gruppe mit Sitz in Nürnberg beschäftigt rund 3.800 Mitarbeitende aus über 80 Nationen. Das Unternehmen ist vielen vor allem aus der Gebäudereinigung bekannt, ist aber auch in Bereichen wie Sicherheitsdienstleistungen, Personaldienstleistung, Maschinenverlagerung sowie Robotik und Sensorik aktiv.

Der Praxis-Talk zeigt: KI und Robotik sind kein Selbstzweck. Sie werden dann relevant, wenn sie konkrete Probleme lösen, Leistungen verbessern oder neue Geschäftsfelder ermöglichen.

KI beginnt nicht beim Roboter, sondern bei alltäglichen Aufgaben

Bei Fürst wird KI nicht nur im Zusammenhang mit Robotik gedacht. Ein wichtiger Einsatzbereich liegt auch in der Verwaltung.

Die Frage lautet dort: Welche wiederkehrenden Aufgaben lassen sich automatisieren oder schneller erledigen? Etwa bei der Aufbereitung von Informationen, der Bearbeitung von Dokumenten oder anderen administrativen Tätigkeiten, die viel Zeit kosten, aber wenig Wertschöpfung schaffen.

Das klingt weniger spektakulär als ein humanoider Roboter. In der Praxis ist es aber oft der bessere Einstieg.

Denn bevor ein Unternehmen über große Automatisierungslösungen nachdenkt, sollte es klären, welche Aufgaben konkret verbessert werden sollen.

Gebäudereinigung: Robotik wird durch KI präziser

Ein anschauliches Beispiel kommt aus der Gebäudereinigung.

Reinigungsroboter sind nicht neu. Kleine Saugroboter kennt inzwischen fast jeder aus dem privaten Umfeld. Im gewerblichen Einsatz werden die Systeme jedoch größer, leistungsfähiger und stärker mit Sensorik sowie KI verbunden.

Die entscheidende Frage ist dabei nicht nur: Kann ein Roboter eine Fläche reinigen?

Sondern auch: Wo ist Reinigung gerade wirklich nötig?

KI kann helfen, den Verschmutzungsgrad auf bestimmten Flächen zu erkennen. Dadurch lässt sich gezielter reinigen, statt überall nach starren Intervallen vorzugehen. Das kann Qualität erhöhen, Ressourcen besser einsetzen und Mitarbeitende bei repetitiven Tätigkeiten entlasten.

Sicherheit: KI filtert die relevanten Informationen

Auch im Sicherheitsumfeld sieht Zwingel großes Potenzial.

Dort entstehen durch Kameras, Sensoren und andere Systeme große Mengen an Informationen. Die Herausforderung besteht nicht darin, möglichst viele Daten zu sammeln. Sie besteht darin, die relevanten Hinweise schnell zu erkennen und an die richtigen Personen weiterzugeben.

Beispiele reichen von der Prüfung, ob ein Zaun beschädigt ist, bis zu Sensorik, die mögliche Gasaustritte erkennt.

KI kann hier unterstützen, indem sie Informationen vorsortiert, Auffälligkeiten markiert und Mitarbeitenden in der Leitstelle schneller die entscheidenden Hinweise liefert.

Gerade bei sicherheitskritischen Anwendungen ist dabei aber Vorsicht geboten. Fürst trennt entsprechende Systeme nach eigener Aussage sehr strikt von anderen IT-Umgebungen. In Bereichen mit besonders sensiblen Daten kommen cloudbasierte KI-Lösungen nicht ohne Weiteres infrage. Lokal betriebene Modelle können dort eine interessante Option sein.

Robotik als Antwort auf den Fachkräftemangel

Fürst versteht Robotik nicht als Ersatz für Menschen um jeden Preis. Vielmehr soll sie helfen, Kernleistungen auch dann zuverlässig zu erbringen, wenn qualifiziertes Personal schwer zu gewinnen ist.

Das betrifft zum Beispiel Transportaufgaben innerhalb von Gebäuden: Essen in Pflegeeinrichtungen von A nach B bringen, Materialien zwischen Maschinen in einem Industriebetrieb bewegen oder wiederkehrende Wege übernehmen.

Die Idee dahinter ist pragmatisch: Wo körperlich belastende, monotone oder schwer besetzbare Tätigkeiten anfallen, kann Robotik Mitarbeitende unterstützen und Kapazitäten freisetzen.

Zugleich entsteht neues Know-how. Fürst will die Erfahrungen aus eigenen Robotik-Projekten nicht nur intern nutzen, sondern perspektivisch auch Kundinnen und Kunden als zusätzliche Leistung anbieten. Aus der Beschäftigung mit Technologie kann damit ein neues Geschäftsfeld werden.

Humanoide Roboter: technisch nah, praktisch noch nicht überall angekommen

Bei humanoiden Robotern bleibt Markus Zwingel bewusst nüchtern.

Technisch werde es voraussichtlich schon in den kommenden Monaten immer mehr Modelle geben, die einzelne Aufgaben übernehmen können. Bis humanoide Roboter aber breit, zuverlässig und wirtschaftlich im Alltag eingesetzt werden, rechnet er eher mit Jahren als mit Monaten.

Dazwischen sieht er eine Reihe von Zwischenlösungen: mobile Fahrgestelle mit Armen, spezialisierte Transportroboter oder verbesserte klassische Robotiksysteme.

Die entscheidende Frage sei deshalb nicht, ob ein humanoider Roboter grundsätzlich faszinierend ist. Sondern: Wo bringt er gegenüber einer spezialisierten Lösung tatsächlich einen Vorteil?

Sicherheit: Nicht nur KI absichern, sondern das Unternehmen vorbereiten

Die zunehmende Digitalisierung und der Einsatz von KI führen aus Sicht von Zwingel zu einer klaren Konsequenz: Unternehmen müssen sich intensiver mit IT-Sicherheit beschäftigen.

Das betrifft technische Schutzmaßnahmen, Zugriffsrechte und die Trennung sensibler Systeme. Es betrifft aber auch die Fähigkeit, im Ernstfall schnell zu reagieren.

Sein Rat: Jedes Unternehmen sollte einen Notfallplan haben und seine Backup-Strategie ernst nehmen.

Denn die entscheidende Frage im Fall eines Sicherheitsvorfalls lautet nicht nur, ob ein Angriff verhindert werden kann. Sie lautet auch: Wie schnell können wir wieder handlungsfähig werden?

Der wichtigste Learnings: Erst der Anwendungsfall, dann das Tool

Besonders offen sprach Zwingel über die ersten Schritte bei der KI-Einführung.

Fürst ist stark im Microsoft-Umfeld unterwegs. Entsprechend lag es nahe, zunächst auf Copilot zu setzen. Die Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht vollständig. Danach wurden OpenAI-Lizenzen breit im Unternehmen verteilt.

Im Rückblick war das aus seiner Sicht zu früh.

Das Problem: Es war noch nicht klar genug, welche konkreten Aufgaben mit den Tools gelöst werden sollten. Auch fehlte zunächst ein ausreichendes Reporting dazu, ob und wie die Lizenzen tatsächlich genutzt wurden.

Die Konsequenz für heute ist eindeutig:

Nicht mit dem Tool starten. Mit einem konkreten Anwendungsfall starten.

Statt Lizenzen flächendeckend auszurollen, sollten Unternehmen zunächst fragen:

  • Welches Problem wollen wir lösen?
  • Welche Tätigkeit kostet heute unnötig Zeit?
  • Welche Daten stehen dafür zur Verfügung?
  • Welches Werkzeug passt zu diesem Anwendungsfall?
  • Woran messen wir, ob die Einführung erfolgreich ist?

Daten, moderne IT und Weiterbildung als Fundament

KI kann nur so gut funktionieren wie die Grundlagen im Unternehmen.

Zwingel nennt dabei drei zentrale Voraussetzungen:

1. Datenstrukturen verbessern

Wer mit vielen unterschiedlichen Dateien, uneinheitlichen Ablagen und nicht gepflegten Daten arbeitet, wird KI nur begrenzt produktiv einsetzen können.

Das Ziel sollte nicht sein, jede Datei sofort perfekt zu strukturieren. Aber Unternehmen müssen verstehen, welche Daten sie besitzen, wo sie liegen und in welcher Qualität sie vorliegen.

2. IT-Landschaft modernisieren

Eine aktuelle, sichere und integrierte IT-Umgebung ist kein Zusatzprojekt. Sie ist die Grundlage dafür, KI-Systeme sinnvoll, sicher und skalierbar einzusetzen.

3. Mitarbeitende weiterentwickeln

Fürst investiert nach eigener Aussage gezielt Zeit und Geld in Weiterbildung. Die Haltung dahinter: Mitarbeitende sollen die Chance bekommen, neue Werkzeuge zu verstehen, auszuprobieren und für ihre Arbeit sinnvoll zu nutzen.

Dabei geht es nicht darum, jede Person technisch zu einer KI-Expertin oder einem KI-Experten zu machen. Es geht darum, Orientierung zu geben, Berührungsängste abzubauen und Menschen bei der Veränderung mitzunehmen.

Wo der Wille da ist, lohnt sich das Investment. Wo Mitarbeitende sich dauerhaft nicht auf den Wandel einlassen wollen, braucht es einen offenen und ehrlichen Umgang.

Fazit: KI und Robotik werden dann wertvoll, wenn sie echte Arbeit besser machen

Der Praxis-Talk mit Markus Zwingel zeigt, wie KI und Robotik im Mittelstand sinnvoll eingesetzt werden können.

Nicht durch die Suche nach dem spektakulärsten Tool. Nicht durch flächendeckende Lizenzverteilung. Und nicht durch das Versprechen, dass Technologie alle Probleme löst.

Sondern durch konkrete Anwendungsfälle, solide Daten, sichere Systeme, realistische Erwartungen und Mitarbeitende, die den Wandel mitgestalten können.

Die wichtigste Frage für Unternehmen lautet deshalb nicht:

Welche KI oder welchen Roboter sollten wir kaufen?

Sondern:

Welche konkrete Aufgabe können wir mit KI oder Robotik heute besser lösen?

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